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revue de presse
Als trüge ich 1,5 Millionen Tote
23 avril 2015

RASTLOS UNTERWEGS FÜR ARMENIEN

Die Türkei soll den Völkermord an den Armeniern anerkennen. Gleiches verlangt Sarkis Shahinian auch von der Schweiz.Dafür kämpft er seit drei Jahrzehnten. Er widmet diesem Kampf sein ganzes Leben.

Die Bezeichnung Lobbyist mag er nicht, und trotzdem ist er einer. Bloss verdient er mit seinem Lobbying «keinen Rappen», wie er sagt. Denn er setzt sich nicht für eine Wirtschaftsbranche ein, sondern für ein Volk, sein Volk. Auch wenn Sarkis Shahinian in Lugano geboren wurde; auch wenn er fliessend Italienisch, Deutsch und Französisch spricht – die Endung «-ian» in seinem Namen erinnert daran, dass er nicht nur Schweizer ist, sondern auch Armenier. Über die Jahre ist Shahinian zum Sprachrohr der 6000 Armenier in der Schweiz geworden. Mit 51 Jahren ist er bereits Ehrenpräsident der Gesellschaft Schweiz - Armenien, und 2010 erhielt er den «Preis des Präsidenten» der Republik Armenien. Doch trotz all diesen Auszeichnungen hat er sein Lebensziel noch nicht erreicht: Gerechtigkeit.

Masslos enttäuscht

Die Ungerechtigkeit besteht für ihn darin, «dass das kolossale Verbrechen an den Armeniern nach hundert Jahren noch nicht einmal anerkannt wird, geschweige denn gesühnt ist». Bis heute werden die Hauptverantwortlichen in der Türkei verehrt: Strassen sind nach ihnen benannt, und noch im Jahr 1996 wurden die sterblichen Überreste von Enver Pascha feierlich nach Istanbul übergeführt. «Das ist, wie wenn Angela Merkel Heinrich Himmler mit einem Mausoleum in Charlottenburg ehren würde», sagt Shahinian. Der Rest der Welt kusche vor der Türkei – auch der Bundesrat, der bis heute nicht von einem Genozid spreche, sondern von «tragischen Ereignissen».



Shahinian will, dass die Türkei den Völkermord anerkennt, ihre Schulbücher korrigiert und armenische Kirchen wieder aufbaut. Er verlangt Entschädigungen für Armenier, die ihr Hab und Gut verloren haben. Und was ist mit den ehemals armenischen Gebieten in Anatolien? Shahinian winkt ab. Territoriale Kompensation würde Krieg bedeuten. Armenien brauche eine demokratische und wirtschaftliche Wiedergeburt, die nicht ohne Entmilitarisierung der gemeinsamen Grenze geschehen könne. Dazu müsse die Türkei aber ihren «Armenien-Hass» aufgeben. Er selber, sagt er, verspüre keinen Hass mehr auf die Türken. «Aber ich musste dafür enorm hart an mir arbeiten.»

Markus Häfliger - NZZ
Foto Adrian Baer

Armenier sein und bleiben
23 avril 2015

ARMENISCHE DIASPORA IN DER SCHWEIZ - Rund 6000 Armenier leben in der Schweiz. Wie verarbeiten sie Vergangenheit ihres schwergeprüften Volkes? Wie leben sie in die Gegenwart? Ein Buch spürt solchen Fragen nach.

Manuschak Karnusian ist im Berner Oberland als Tochter einer Schweizerin und eines Armeniers aufgewachsen. Lange erfuhr sie wenig vom Schicksal, das ihre Vorfahren erlitten hatten. Die damalige Sprachlosigkeit führt sie darauf zurück, dass die Türkei, die den Genozid am armenischen Volk nach wie vor mit allen Mitteln leugne, wirkungsvolle Arbeit geleistet habe. «Als junge Frau überforderte mich der Völkermord», sagte die heute 55-Jährige.

Heute ist sie nicht mehr sprachlos. Ihr Vater, James Karnusian, war protestantischer Pfarrer in Gstaad. Sein Leben aber verschrieb er der armenischen Frage. Ob der Vater 1975 auch mithalf, die Geheimarmee zur Befreiung Armeniens – genannt Asala – zu gründen, habe sie nicht in Erfahrung gebracht, sagt die Tochter. Sie weiss aber, dass es immer noch viel aufzuarbeiten gilt. Deshalb hat sich Manuschak Karnusian in der Schweiz auf Spurensuche begeben. Aus ihren Begegnungen sind zwölf Porträts entstanden, die ins Buch «Unsere Wurzeln, unser Leben» Eingang gefunden haben. Man erfährt während der kurzweiligen Lektüre viel über ein Volk, das standhaft, optimistisch und solidarisch seinen Weg geht.

René Zeller - NZZ

Wie die Armenierin in mir zum Leben erwachte
30 mars 2015

Die Berner Autorin Manuschak Karnusian porträtiert Armenier, die in der Schweiz leben. Es war schwierig, eine entspannte Beziehung zu ihren - vom Völkermord belasteten - armenischen Wurzeln zu finden.

«Ich bin Armenierin, aufgewachsen in der Schweiz. Ich habe keine direkten armenischen Verwandten mehr, ich spreche die Sprache nicht. Armenien ist mir fremd, und armenisch kochen kann ich auch nicht. Trotzdem fühle ich mich als Armenierin. Warum eigentlich?

Von aussen betrachtet, scheint es klar zu sein: Als Armenierin gehöre ich einem Volk an, das vor genau hundert Jahren im Osmanischen Reich, aus dem später die Türkei entstand, Opfer eines Völkermords wurde. Ich bin, wie viele Armenier, Nachfahrin von Menschen, die dem Tod entronnen sind. Wir sind Überlebende – das steckt in mir. Armenierin zu sein bedeutet aber auch, dass ich Teil bin eines juristischen und politischen Konflikts darüber, ob es Völkermord war, was uns zwischen 1915 und 1918 geschah. Doch genau mit diesem Genozid, der wie ein Damoklesschwert über meinem Elternhaus hing, tat ich mich schon als Kind schwer.

Ich war ein kleines Mädchen und wohnte in Gstaad, als ich eines Tages auf dem Bürotisch meines Vaters grobkörnige schwarzweisse Fotografien entdeckte. Die Bilder zeigten abgeschlagene, auf Regalen ausgestellte Köpfe und an Pfosten baumelnde, gehängte Männer. Sie dokumentierten den Völkermord, der bis heute von der Türkei geleugnet wird. Mir schauderte vor diesen Bildern, und ich wehrte mich intuitiv dagegen, meine Identität mit einem derart grauenhaften Verbrechen in Verbindung zu bringen. Obwohl mir gesagt wurde, dass meine Grosseltern Überlebende des Völkermords waren.

Von ihnen weiss ich nur das: Meine Grossmutter kam aus Marash in Zentralanatolien. Sie war 15-jährig im Jahr 1915, als ihre 33-köpfige Verwandtschaft vor ihren Augen ermordet wurde. Sie blieb verletzt liegen, als Einzige lebend. Ein Muslim fand sie und übergab sie dem Appenzeller Krankenpfleger Jakob Künzler, der während dieser Zeit in Urfa ein Missionsspital führte und Tausenden Armeniern das Leben rettete. Er brachte 8000 Waisen in Sicherheit, indem er mit ihnen zu Fuss nach Syrien oder in den Libanon marschierte. Eines dieser Waisenmädchen war meine Grossmutter.

Mein Grossvater stammte vom Musa Dagh, einem Hügelzug, der an der syrisch-türkischen Grenze direkt am Mittelmeer liegt. Uns wurde erzählt, dass er zu den legendären Widerstandskämpfern gehörte, die sich erfolgreich gegen die Türken auflehnten und von den Franzosen gerettet wurden. Der österreichische Autor Franz Werfel machte diesen Kampf mit seinem literarischen Epos «Die vierzig Tage des Musa Dagh» weltbekannt. Meine Grosseltern lernten sich in einem Flüchtlingslager kennen und lebten anschliessend im Libanon.

Mein Vater, James Karnusian, wuchs in einer armenischen Flüchtlingssiedlung von Beirut auf. Dank eines Stipendiums kam er für sein Theologiestudium in die Schweiz, lernte meine Schweizer Mutter kennen und wurde Pfarrer in Gstaad. Uns erzählte er nicht viel mehr als die Kurzfassung der Geschichte seiner Eltern. Vielleicht wusste er auch nicht mehr. Und wir fragten nicht nach – wahrscheinlich, so scheint mir heute, wagten wir es nicht, weil wir die Tragik hinter diesen Geschichten fürchteten.

Mein Vater war sehr stolz, Armenier zu sein, und betonte immer, welch aussergewöhnlichem Volk wir angehören, wie reich die Kulturgeschichte sei, auf die wir zurückblicken, wie begabt die Armenier seien. Ich wuchs zwar mit dem Selbstverständnis auf, als Armenierin alles erreichen zu können, doch innerlich widerstrebte mir diese Art Patriotismus. Mein Vater lebte uns sein kämpferisches Engagement für die armenische Sache vor: Er schrieb Bücher, drehte Filme, gründete Vereine, organisierte armenische Weltkongresse – mit dem Ziel, auf den jahrzehntelang vergessenen Völkermord aufmerksam zu machen, ihn offiziell anerkennen zu lassen, das an die Türken verlorene Land zurückzuerhalten.

Als ich in den 1970er-Jahren in die Schule ging, waren weder die Armenier als Volk noch der Völkermord in der Öffentlichkeit ein Thema. Nicht in den Medien, nicht in Geschichts- oder Sachbüchern, nicht in Lebensgeschichten. Selbst die Überlebenden und ihre Nachfahren sprachen kaum darüber, weil sie für ihr Trauma noch keinen Ausdruck gefunden hatten. Zudem leistete die Türkei mit der Leugnung der Gräueltaten wirkungsvolle Arbeit. Auch die Armenierin in mir schlummerte.

Natürlich wurde ich oft auf meinen damals exotischen Namen angesprochen. Aber den meisten half es wenig, wenn ich meine Herkunft nannte. Der Staat Armenien, nur noch ein Bruchteil des ursprünglichen armenischen Siedlungsgebietes (siehe Karte auf der nächsten Seite), gehörte zur UdSSR, die in der Schweiz als undurchschaubarer kommunistischer Block wahrgenommen wurde. Armenien war auch kein Reiseland, von dem Berichte und Bilder kursierten.

Ich fühlte mich zwar als etwas Besonderes, da ich nicht ganz Schweizerin war. Gleichzeitig blieb meine armenische Herkunft weit weg von mir. Ich verstand ja die Sprache nicht. Wir fragten oft, warum mein Vater uns seine Muttersprache nicht weitergab. Die Standardantwort: Er habe Deutsch lernen müssen. Und er wolle, dass wir integriert seien – in der Schweiz. Heute denke ich: Er widmete sein Engagement der grossen armenischen Frage, nicht dem kleinen Familienkern. So kam es, dass ich mit meiner Grossmutter, die ich etwa dreimal sah, gar nicht sprechen konnte. Ich erinnere mich nur an wenige armenische Feste oder Treffen, bei denen ich dabei war. Und wenn wir Besuch von Armeniern hatten, was oft vorkam, verschwand dieser in unserem Wohnzimmer. Ohne uns. Ich fühlte mich von der armenischen Welt ausgeschlossen.

Das wurde sogar noch stärker, als in den 1980er-Jahren die Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (Asala) mit Bombenanschlägen die Welt schockierte. Auch in der Schweiz wurden Menschen getötet – und die Armenier kamen fast über Nacht als Thema aufs Tapet. Mein Vater stand in der Öffentlichkeit, er wurde hart interviewt, zu Hause erhielten wir Morddrohungen, und wir durften nicht ans Telefon gehen. Für mich war klar: Mit Terrorismus wollte ich definitiv nichts zu tun haben.

Mein Vater distanzierte sich öffentlich von den Anschlägen, betonte seine politischen und diplomatischen Bestrebungen. Dass er Kontakte zu den Drahtziehern der Untergrundorganisation hatte, erfuhr ich erst später: Nachdem er im Auftrag des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA) die Asala erfolgreich dazu gebracht hatte, keine Attentate mehr in der Schweiz zu verüben. Der Genozid und seine Folgen beherrschten unseren Alltag.

Diese Geschichte hatte ich längst vergessen, als 1998, kurz nach dem Tod meines Vaters, in einer armenischen Zeitung ein Artikel erschien, der meinen Vater als Gründungsmitglied der Asala bezeichnete. Für uns als Familie war diese Behauptung absurd, wir nahmen sie nicht ernst. Bis heute haben wir nicht herausfinden können, was wahr ist.

Erst als mein Vater gestorben war, ging mir auf, dass ich nicht nur ihn als Person verloren hatte. Schockartig wurde mir bewusst, dass mich ohne ihn nun überhaupt nichts mehr mit der armenischen Kultur verband. Mir war, als wären meine Wurzeln gekappt worden. Jetzt erst realisierte ich, dass ich zu wenig über unsere Familiengeschichte wusste – und niemanden mehr fragen konnte. Ich erfuhr schmerzhaft, wie einschneidend es ist, dass wir – wie die meisten armenischen Familien – keine Fotos und Dokumente von früher besitzen. Niemand von uns kann in ein Staatsarchiv steigen, unser Familiengedächtnis ist während der Massaker und Vertreibungen verloren gegangen oder zerstört worden. Und ich hatte es versäumt, die Geschichten zu erfragen und damit zu bewahren.

Erst der Verlust meines Vater führte mir vor Augen, dass mir meine armenische Welt doch mehr bedeutete, als mir bewusst war. Plötzlich fehlte mir in meinem Schweizer Alltag das Fremdländische, schon nur der Klang der Sprache. Zaghaft begann ich, den Kontakt zu Armeniern in der Schweiz zu suchen. Doch so einfach war es nicht. Denn ich kannte vor allem jene, die sich für die Anerkennung des Völkermordes engagierten. Und ich wusste, dass dies nicht mein Weg sein konnte. Obwohl es auch für mich eine Tragödie ist, dass dieser Genozid bis heute nicht offiziell anerkannt ist. Aber ich brachte es nicht über mich, mich mit diesem Verbrechen zu beschäftigen.

Viel stärker interessierten mich die Armenier von heute. Was bedeutet es für sie, Armenier zu sein – hundert Jahre nach dem Völkermord? Mir kam die Idee, ein Buch zu schreiben, damit erteilte ich mir selber die Erlaubnis, aktiv auf Armenier zuzugehen. Ich wollte wissen, wie Armenier in der Schweiz leben, ob sie – im Gegensatz zu mir – ihre Familiengeschichten kennen, die Sprache sprechen, kochen können. Insgeheim suchte ich nach Parallelen zu meinem Leben. Ich begann Interviews zu führen, tauchte in andere armenische Geschichten ein – und fand so auch zu meiner eigenen.

Mir öffnete sich eine verloren geglaubte Welt. Ich traf nicht einfach auf Armenier, sondern auf Menschen, die aus Ägypten, Kanada, Syrien, Aserbeidschan, Armenien, Frankreich oder der Türkei in die Schweiz eingewandert waren. Ich begab mich mit ihnen auf eine Reise und stellte fest, dass uns mehr verbindet als der Völkermord und seine Bewältigung. Ich begegnete lebensfreudigen Menschen, die mir mit Trauer, aber auch mit Begeisterung von ihren Vorfahren erzählten, die wie meine vertrieben worden waren und irgendwo ihr Leben neu aufgebaut hatten.

Erst jetzt begann ich auch zu verstehen, worauf Armenier stolz sind. Nicht nur auf ihre 3000-jährige Kultur, ihre eigene Schrift, ihre eigene Sprache. Das auch. Aber meine Gesprächspartner haben mir mit Stolz von ihren Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern erzählt, die nicht nur überlebt, sondern daraus Kraft und Energie geschöpft haben. Die mit Kreativität, Optimismus, unternehmerischem Denken aus dem Nichts neu angefangen hatten und nicht selten erfolgreich waren. Die sich an fremde Länder und Kulturen angepasst und sich immer gegenseitig geholfen haben. Dieser Stolz hat nichts mit der Verherrlichung einer Ideologie, einer Religion oder eines Landes zu tun, und ich verstehe ihn heute nicht mehr als selbstgerechten Patriotismus.

Sieben Millionen Armenier leben in über 80 Ländern verstreut – als eine der grössten Diaspora-Gemeinden weltweit. Dank unserer Namensendung auf -ian erkennen wir uns gegenseitig. Überall. In diesem Gedenkjahr 2015 finden weltweit unzählige Aktionen statt, die mir auch zeigen, wie dank Internet und Social Media Armenier noch stärker als bisher zu einer weltweiten Gemeinschaft zusammenfinden. Ich fühle mich als Teil dieser globalisierten Community, und das beflügelt mich. Sie gibt mir das Gefühl, ich könnte heute aufbrechen, mit der Adresse eines Armeniers in der Tasche, und irgendwo auf der Welt neu anfangen.

Armenierin zu sein erfüllt mich heute mit einem Gefühl von Freiheit. Überrascht stelle ich fest, dass ich mich mittlerweile sogar mit der Anerkennung des Völkermordes beschäftige und extra nach Strassburg reise, um vor dem Gerichtshof für Menschenrechte den Prozess gegen den Genozidleugner Doğu Perinçek zu verfolgen. Bereits studiere ich armenische Kochbücher. Bestimmt werde ich eines Tages noch die Sprache lernen. Die Armenierin in mir ist zum Leben erwacht.»

Manuschak Karnusian - Berner Zeitung

VÖLKERMORD

Vor hundert Jahren, am 24. und 25. April 1915, wurden in Istanbul 235 prominente Armenier von Sicherheitskräften verhaftet und später ermordet. Diese staatlich organisierte Gewalttat gilt als Beginn des Völkermords, der 24.April ist bis heute der armenische Gedenktag.

Anfang des 20. Jahrhunderts umfasste das armenische Siedlungsgebiet einen grossen Teil des Ostens der heutigen Türkei, die damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Die an der osmanischen Regierung beteiligten muslimischen Jungtürken trieben den Aufbau eines türkischen Nationalstaats voran. Sie begannen, die christlichen Minderheiten – neben den Armeniern auch Griechen, Aramäer und Assyrer – als «inneren Tumor» zu brandmarken, der die nationale Sicherheit gefährde.

Den Armeniern warfen die Jungtürken Kollaboration mit dem nahen russischen Feind vor, weshalb sie deren Deportation aus Anatolien anordneten. Sie schickten die Armenier auf monatelange Todesmärsche, die in Konzentrationslager in der syrischen Wüste führten. 1913 lebten knapp 2 Millionen Armenier auf dem Gebiet der heutigen Türkei, 1917 waren es 200'000. Zwischen 800'000 und 1,5 Millionen Armenier kamen während des Völkermords ums Leben.

1919 machte die osmanische Regierung den jungtürkischen Drahtziehern der ethnischen Säuberung den Prozess. Es wurden 17 Todesurteile verhängt, allerdings nur drei vollstreckt. Den Völkermord sah man als
erwiesen an.

Doch 1923, an der Konferenz von Lausanne, schwiegen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs den Völkermord tot. Es war ihnen wichtiger, die inzwischen entstandene Türkei als Bollwerk gegen die Sowjetunion zu hofieren. Obschon ihn die Mehrheit der Historiker für erwiesen hält, leugnet die Türkei den Völkermord vehement, und nur wenige Staaten riskieren deswegen einen Konflikt mit ihr.

Bloss ein Bruchteil ihres ehemaligen Siedlungsgebiets blieb den Armeniern als Staat, wo heute etwa drei Millionen Menschen leben. Die Mehrheit der Armenier – rund sieben Millionen – lebt weltweit verstreut in der Diaspora.

jsz - Berner Zeitung